Vom Danken und Teilen – Herbst-Tag-und-Nacht-Gleiche

Vom Danken und Teilen – Herbst-Tag-und-Nacht-Gleiche

Die Bräuche rund um die Ernte bringen ein grosses Gefühl zum Ausdruck: Dankbarkeit.

Dank für die Ernte, Dank für die Gaben des Jahres, Dank für die Nahrung als Geschenk der Natur. Nur durch eine gute Ernte ist Leben und Überleben für uns Menschen überhaupt möglich.

Weil Bräuche ursprünglich Jahreszeitenrituale waren und das Wesen von Ritualen grundsätzlich darin liegt, sich für „das Grössere“ zu öffnen, egal wie es im Lauf der Geschichte und im Wechsel der Religionen genannt wurde; die Urmutter-Göttin, die Allesschenkende, oder Gott Vater im Himmel. (..)

Der früheste Beleg für die Durchführung von christlichen Erntedankfeiern datiert zwar aus der Zeit Pippins d.J. im 8. Jahrhundert, im Bistum Mainz, das Darbringen Erntekronen aus Ären, Blumen und Feldfrüchten als Teil der kirchlichen Messfeiern scheint jedoch im Alpenraum relativ jung zu sein. Für Luzern berichtet Bucher-Häfliger:“ Das Erntedankfest war noch keine feste Institution im Jahresablauf, vereinzelt wurde es gefeiert, aber nicht regelmässig.“ (..)

Von diesen lokal unterschiedlichen Daten für das Erntefest zeugen heute noch die allerorts üblichen Kirchweihfeste – in der Schweiz Chilbi genannt. Sie sind eine Mischung aus Jahrmärkten, Schaustellungen, Tanzveranstaltungen und Vereinsfesten und haben sich gänzlich vom Erntekult abgekoppelt.

In der Innerschweiz wurden die „Heidenfeste zur Obst-, Nuss oder Weinernte“ nach der christlichen Bekehrung als Michaels- oder Kirmesfeste weitergeführt. Tanzen unter der Dorflinde und das Küssen eine Chilbikönigin gehörten ebenso dazu wie Wettspiele. Das beliebteste und wohl älteste Chilbispiel war das „Draien“ (Drehen) „Auf einer runden Scheibe sind ringsum Ziffern und Figuren (Löwe, Jungfrau, Narr u.dgl.) gemalt. Im Mittelpunkt steht ein Stift empor, darum schwingt ein Zeiger. Del Lebkuchenmann oder Senn bietet nun ein Stück Kuchen oder Käse zum „Verdraien“ an. Sobald der Einkaufspreis durch die Einlage der Mitspielenden beisammen ist, gewinnt der mit der grössten Zahl. Als Glückmittel bei diesem Spiel bindet man sich einen roten Seidenfaden um den Arm. Der Gewinn bedeutet Glück.

In der Luzerner Gemeinde Grossdietwil zwischen 1930 und 1950 war dieses Schicksalsspiel noch urtümlicher. „Kein Rösslispiel, keine Schiessbude, keine gleichartige Attraktion. So war die Chilbi in Grossdietwil. Auf dem „Löwen-Platz“ war der Lebkuchen- und bestenfalls Geschirrstand. (…) Das Brett auf dem Stande, welches die Gewinne anzeigte, hatte auch keine Zahlen. Nein, viel volkstümlicher. Hier gewannen „der grosse Bär“. „der kleine Bär“, s Herremandeli, „die weisse Taube“ und „der grosse Fuchs“ und so weiter und so fort. Jedes Kind hat diese Sprache verstanden. Denn diese Sprache war die alte Symbolsprache der alten Überlieferung.“

Dieser Textausschnitt stammt aus dem lesenswerten Buch „Macht Geschichte Sinn“ meiner TCM-Berufskollegin, Religionswissenschaftlerin, Theologin, und Ethnologin Ursula Seghezzi. Auf meine Anfrage hin, ab und zu Ausschnitte ihrer Bücher auf meiner Homepage zu veröffentlichen antwortet Ursula folgendermassen: „ Das würde mich total freuen, wenn du was auch immer dir taugt, aus meinen Büchern für deinen Newsletter verwendest. Das ist ja eine wunderbare Idee! Die Bücher sind ja geschrieben, damit sie in die Welt fliegen."